Instructionsbuch für den Infanteristen (1872)/047

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Instructionsbuch für den Infanteristen (1872)
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Je schwerer der Klotz oder je schwieriger dea Erdreich, je mehr Arbeiter, während derjenige, welcher die Ramme leitet, das starke Hauptseil in der Hand behält und nun commandiert, wann die Arbeiter mit vereinigter und gleichzeitiger Anstrengung den Rammbär hochziehen und ihn fallen lassen sollen. Da sehen wir denn zunächst, daß Einer den Willen und Befehl hat, während die Andern schweigend thun was ihnen befohlen wird, das heißt, was die Erreichung des Zweckes verlangt. Wir sehen ferner, daß Alle durch gleiche Anstrengung zu derselben Zeit und mit derselben Körperbewegung eine unwiderstehliche Kraft ausüben. Wollte einer vor oder nach dem Kommansdo, auch nur um einen Augenblick später oder früher, seine Kraft anwenden, so würde er höchstens seinen Strick zerreißen, den Rammbär doch nicht von der Stelle bringen und er selbst darüber der Länge lang zu Boden stürzen, vor allen Dingen aber würde der Pfahl kein Haar breit tiefer in die Erde getrieben werden. Das ist ein deutliches Bild der Armee und des Soldatenstandes. Der Pfahl -- das ist der Kriegszweck, also die Besiegung des Feindes, die Ruhe und Wohlfahrt des Vaterlandes, der Ruhm Preußens; der 'Rammbär und seine Schläge, die so oft wiederholt werden, bis der Kriegszweck erreicht ist -- das sind die Kriegsthaten, die einzelnen dünnen Leinen und die Arbeiter -- das sind die Soldaten, und der Schwanzmeister, der das Leitseil in der Hand hält -- das ist der Vorgesetzte.

      Hält der junge Soldat dieses Gleichniß fest, so muß er auch sehr bald zu der Ueberzeugung kommen, daß er allein Nichts, im Zusammenwirken mit seinen Kameraden und durch augenblickliche Befolgung der Befehle seiner Vorgesetzten aber sehr Viel ist, daß er seine Kräfte und Fähigkeiten so gut wie möglich ausbilden muß, um dieser Bestimmung zu entsprechen, und daß Alles, was ihn in seinem Stande umgiebt, nicht willkürlich angeordnet, sondern aus der Erfahrung langer Jahre hervorgegangen, daher aber auch unumstößlich ist, und daß nur die pünktliche Beobachtung aller dieser Regeln und Vorschriften ihn fähig macht, ein taugliches, dann aber auch geehrtes Glied dieser großen Gemeinschaft zu sein.

      Allerdings kann der junge Soldat nicht mehr des Morgens aufstehen, wann er will, oder sich auf die Klappe legen, wann er Lust hat, darf nicht herumlungern, wie es ihm einfällt, oder Bekanntschaften machen, wie er vielleicht möchte, muß reinlich antreten, muß das Maul halten, wenn es ihm auch zehnmal so zu Muthe ist, als müßte er sich entschuldigen oder seinen Senf dazu geben, muß das noch einmal und noch zehnmal üben, was er schon kann, muß sich jeden Augenblick in seinem Thun und Lassen beobachten und beaufsichtigen lassen. Das ist Alles richtig, ist auch manchmal sehr unbequem, aber durchaus nöthig, wenn -- und da paßt das Gleichniß wieder -- die Leinen der einzelnen Arbeiter sich nicht untereinander verschlingen, in Verwirrung kommen und dadurch die Arbeit schwächen oder gar verhindern sollen. Jede Leine muß hübsch gerade, eine so lang wie die andere geschürzt und frei nebeneinander hinlaufen, bis sie oben alle an das Leitseil befestigt sind und von diesem die Richtung erhalten. Keine darf dünner, keine knotiger als die andere sein, keine zu sehr gerissen oder zu schlapp angezogen werden; sonst bemerkt und straft es der, welcher das Leitseil führe und dazu expreß so gestellt ist, daß er Alle übersieht und zugleich den Zweck -- nämlich den einzurammenden Pfahl -- im Auge behält.

      Der erste Unterricht und die ersten Eindrücke, welche der junge Soldat empfängt, und die sogar dem Exerziren vorausgehen, das sind die Regeln, welche sich durch das tägliche und stündliche Zusammenleben mit andern gleichberechtigten und gleichverpflichteten Menschen gebildet und festgestellt haben. von dem Augenblick an, wo er sich in seinem Ersatzort vor den Transportführer zu stellen hat, um den Marsch in die Garnison anzutreten, bis zum Auseinandergehen des Reserve-Transports in die Heimath ist er auf die engste Gemeinschaft mit seinen Kameraden angewiesen, kann sich nicht nach Lust und Belieben absondern und muß, will er sich nicht selbst das Leben verbittern, gute Kameradschaft halten. Wie ist