Evangelische Kirche Groß Rosen (Kreis Schweidnitz)

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Festschrift 1932

Festschrift "Kirchenkreis Striegau in Geschichte und Gegenwart - Festschrift zur General-Kirchenvisitation 1932", Herausgegeben von Pastor P. Hechler, Saarau i. Schl.

Groß Rosen (Kreis Schweidnitz)

1. Ursprung. Die Orte unseres Kirchspiels entstanden durch die deutsche Einwanderung im 13. und 14. Jahrhundert in einer damals fast unbewohnten, mit Wald bedeckten Gegend. Nur an zwei Stellen waren wahrscheinlich kleine polnische Siedelungen (Kleinrosen und „Kleinbarzdorf“, das untere Ende von Herzogswaldau). Die Einwanderer kamen wohl größtenteils aus Franken hierher. Sie gründeten die Kirchen in (Großrosen, Bersdorf, Häslicht und Gutschdorf.

2. Reformation. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde unsere Gegend evangelisch. Zeugen dieser Zeit sind nur noch die Grabmäler der evangelischen Pastoren Balthasar Reymann (1570—1600) und Heinrich Weise (l600—1624) und ihrer Familienangehörigen, die bei Bauarbeiten an der katholischen Kirche vor Jahren aufgefunden worden sind und jetzt in unserer Turmhalle stehen.

3. Gegenreformation. Im Dreißigjährigen Kriege vertrieben die „Seligmacher“, die Lichtensteiner Dragoner, 1629 die Pastoren von Großrosen und Häslicht. Nach dem Kriege waren die Dörfer meist zerstört. Auf Befehl des österreichischen Kaisers machte die Reduktionskommission 1653/54 mit vielen hundert anderen Kirchen in Schlesien auch die zu Großrosen, Bersdorf, Häslicht und Gutschdorf wieder katholisch. Die beiden ersten kamen zum katholischen Pfarramt in Profen, die beiden letzten zu Striegau. Die Bewohnerschaft blieb evangelisch und hielt sich zur Friedenskirche in Jauer, teilweise auch zu den Kirchen in Gränowitz und Jenkau (Fürstentum Liegnitz). Nur Kalthaus erhielt unter katholischer Grundherrschaft einen stärkeren Anteil katholischer Wirte.

4. Neugründung der evangelischen Gemeinde. Treibende Kräfte waren die Großrosener unter Führung des Tischlermeisters und Krämers David Langer und des Fleischermeisters Gottfried Ludwig. Am 8. September 1764 erteilte Friedrich der Große die Genehmigung zum Kirchbau. Karl Ludwig Freiherr von Richthofen auf Kohlhöhe, der damals Großrosen erwarb, förderte im Unterschied zu seinem Vorbesitzer den Kirchbau. 1768 konnte dieser durchgeführt werden. 1780 wurde das jetzt noch als Pfarrhaus benutzte Gebäude errichtet, in dem damals auch die Schule und Lehrerwohnung untergebracht war. Seit 1754 hatte Großrosen einen evangelischen Lehrer. Bersdorf, Herzogswaldau, Kalthaus und Kohlhöhe schlossen sich alsbald (1769) der neu gebildeten evangelischen Kirchengemeinde an, im folgenden Jahre auch Nieder-Gutschdorf. Mittel-Gutschdorf wurde 1814 eingepfarrt. Häslicht blieb bis 1880 Gastgemeinde. Im Jahre 1839 erhielten die Gutschdorfer Evangelischen ihre alte Kirche als Begräbniskirche zurück. (Siehe auch Chronik von Gutschdorf.)

5. Das Bethaus. Erster Gottesdienst auf dem Bauplatze am 18. September 1768 wurde gehalten von Pastor Magister Rittmeister aus Hohenfriedeberg. Während der Bauzeit waren sonntägliche Gottesdienste im Eßsaal des Großrosener Schlosses. Weihnachten 1768 hielt der im November berufene Pastor Schiele den ersten Gottesdienst im höchst bescheidenen Bethause. Der Bau kostete 900 Taler, davon 400 durch Gaben der Gemeinde und Sammlungen in weiterem Kreise aufgebracht. 1784 wurden die hölzernen Umfassungswände durch Mauerwerk ersetzt, ein Turm angebaut, eine Orgel aufgestellt (Geschenk des Patrons, Werk von Meinert in Lähn, Preis 325 Taler). 1789 schenkte der Patron einen von Joh. Jos. Meyer in Grüssau kunstvoll geschnitzten Kanzelaltar. 1795 erhielt der Turm zwei kleine Glocken. — Während des Frühjahrsfeldzuges 1813 fand das letzte Gefecht bei Großrosen statt (3l. Mai). Die Bewohner mußten ins Gebirge flüchten. Das Dorf ging zum großen Teil in Flammen auf; das Bethaus blieb wie durch ein Wunder erhalten, verlor aber durch zweimalige Plünderung all seinen wertvollen Besitz an Paramenten, Musikinstrumenten und dergleichen. Die Gemeinde ersetzte den Verlust durch Sammlungen, besonders beim Reformationsjubiläum (1817) und dem Fest des 50 jährigen Bestehens des Bethauses (1818). — Als dieses hundert Jahre alt wurde, machte Baufälligkeit einen Neubau nötig. Im Pfarrgarten erinnern hieran noch die Linden, die einst rechts und links vom Eingang des Bethauses standen, in der neuen Kirche nur das Lutherbild von 1817, die stark veränderte Orgel und einige Altargeräte.

6. Die neue Kirche. In den Jahren 1870—72 nach Plänen des Breslauer Architekten Schmidt aus einheimischem Granit erbaut, wurde die neue Kirche am 3. Dezember 1872 von Herrn General-Superintendent D. Erdmann geweiht. Der Bau kostete über 20 000 Taler. Der damalige Kirchenpatron Freiherr Bolko von Richthofen trug über seine Verpflichtung hinaus die gesamten Kosten für den Schmuck der Kirche, sein Bruder als Besitzer von Bersdorf die des Umbaus und der Erweiterung der Orgel. Eine größere Glocke aus dem Metall französischer Geschütze kam zu den beiden aus dem Bethause übernommenen hinzu. Im Jahre 1902 wurden diese durch zwei neue, von Schilling in Apolda gegossene Bronzeglocken, ersetzt. Von diesen drei Glocken sind die beiden größeren im Kriege eingeschmolzen und später durch Stahlglocken ersetzt worden. In den Jahren nach dem Kriege ist die Kirche vollständig neu gedeckt und von außen alles Schadhafte gründlich ausgebessert worden. Sie erhielt eine elektrische Heizungsanlage und für Orgel und Glocken elektrischen Antrieb.

7. Umwandlung zur Industriegemeinde. Im Winter 1856/57 eröffnete die Eisenbahn den Betrieb auf der Strecke Königszelt—Liegnitz. Der hiesige Bahnhof erlangte in den nächsten Jahrzehnten große Bedeutung, da die Granitsteinbrüche der Umgegend sämtlich hier ihre Erzeugnisse verluden. Zeitweise waren bis zu 15 Brüche allein innerhalb unserer Kirchengemeinde im Betriebe, davon einige mit einer Belegschaft von mehreren hundert Mann. Dadurch verwandelten sich Großrosen und Häslicht fast ganz in Arbeiterwohnsitzgemeinden. Die selbständigen mittleren und kleineren Landwirtschaften verschwanden bis auf wenige. Ihre Gehöfte wurden zu Wohnzwecken umgebaut. Daneben entstanden größere Mietshäuser und — in neuester Zeit Wohnsiedelungen mit Ein- und Zweifamilienhäusern. Starker Zuzug von auswärts ließ die Einwohnerzahlen erheblich anschwellen; von den Erwachsenen in Großrosen und Häslicht ist nur ¼ bis 1/6 hier geboren. In Kalthaus liegen die Verhältnisse ähnlich. Bersdorf und Herzogswaldau haben sich noch einen stärkeren Stamm selbständiger Landwirte erhalten.

8. Kirchenaustrittsbewegung. Diese hatte hier dieselben Ursachen, meist politischer und wirtschaftlicher Natur. Sie setzte nach 1900 langsam ein, erreichte ihren ersten Höhepunkt 1913 (37 Austritte), ihren zweiten und höchsten 1920 (228 Austritte) und verläuft seit 1926 in einer stetigen Höhe von 40 bis 60 Austritten im Jahre. Im ganzen sind seit 1900 hier 605 Austritte erfolgt. Ihnen stehen genau 200 Rück- und Übertritte gegenüber. Unter den Austritten waren auch 25 bis 30 zu kirchenfeindlichen Sekten. Abmeldungen vom Religionsunterricht sind am stärksten in Häslicht geschehen (etwa 50% der Kinder), in viel geringerem Maße in Großrosen und Bersdorf, nur ganz vereinzelt in Herzogswaldau.

9. Gemeinschaften. In den 60er Jahren schloß Freiherr Bolko von Richthofen sich mit seiner Familie der apostolisch-katholischen Gemeinde, den sogenannten Jrvingianern, an und gründete hier eine kleine Gemeinde dieser Richtung mit noch jetzt bestehender Kapelle und zeitweise etwa 50 Anhängern. Die Zahl ist jetzt sehr zurückgegangen; sie sind nicht aus der Landeskirche ausgetreten und stehen großenteils mit ihr in engerer Verbindung. Die Gemeinschaftsbewegung hat seit Jahrzehnten von Striegau und Jauer aus Anhänger in unseren Ortschaften gewonnen. In Herzogswaldau und Häslicht finden regelmäßige Gemeinschaftsstunden unter Leitung auswärtiger Prediger in Privathäusern statt. Das Verhältnis dieser Kreise zur Landeskirche war stets ein gutes.

Gottesdienste: Allsonntäglich in Großrosen, ferner alle vier Wochen im Annastift zu Häslicht. — Bibelstunden: monatlich, z. T. nur im Winter, in Großrosen, Herzogswaldau, Kalthaus, Bersdorf und Häslicht. — Ebenda monatlich Versammlungen der Frauenhilfe (über 500 Mitglieder). — Männerabende: monatlich in Großrosen und Häslicht. Beteiligung 20 bis 60. — Eigene Begräbniskasse Zur Zeit 1500 Mitglieder; die Gemeinde ist in 49 Bezirke mit je einer „Helferin“ eingeteilt. — In Großrosen besteht ein kleiner Jungmädchenverein. — Schwesternstationen in Großrosen, Bersdorf und Häslicht; evang. Kindergarten in Bersdorf; Landkinderstube den Sommer über in Häslicht.

Gesamt-Seelenzahl (Volkszählung von 1925): 3920 ev., 776 kath., 172 diss., 54 sonstige Christen; zusammen 4822. Pastoren: Christian Friedrich Schiele: 1768—1794. Gottlob Missig: 1794—1810. Friedrich Ernst Daniel Scherer: 1811—1823. Heinrich Menzel: 1824—1856. Friedrich Robert Otto Maydorn: 1857—1867. Julius Gramsch: 1868—1879. Hermann Röhricht: 1879—1886. Martin Roth: 1887—1910. Gotthold Krebs: 1910 bis jetzt.

Krebs

Daten aus dem Geschichtlichen Ortsverzeichnis

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