Herforder Chronik (1910)/025

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Herforder Chronik (1910)
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5.

Wittekind.

So wie zu den Zeiten des Gottesmannes Lebuin, von dem wir soeben erzählt haben, hat die Sage stets um die geschichtlichen Tatsachen ihre luftigen Gebilde gewoben, die sie, wie es die Spinne liebt, an etwas aus dem Gewöhnlichen Hervorragendes zu heften pflegt.

Je mehr eine geschichtliche Persönlichkeit die Menge überragt, desto beflissener zeigt sich die Sage, sie mit einem Kranze ihrer Ranken zu umspinnen. Darum ist es auch wohl berechtigt, aus der Ausdehnung des Sagenkreises, der sich um eine Gestalt gebildet, auf die Bedeutung zu schließen, welche sie zu ihrer Zeit hatte, in gutem wie in bösem Sinne. Von welchem Manne aber leben im Munde des Sachsenvolkes mehr Sagen, als von Wittekind, dem großen Helden dieses Volkes?

Wie wir in Armin den ersten Sachsenhelden feiern, welcher die Frechheit eines seine Heimat bedrohenden Feindes, des Römervolkes, zurückwies, so bewundern wir den etwa 700 Jahre später mit seinen Bedrängern, den Franken, ringenden letzten Sachsenführer Wittekind, der nach vergeblichem Kampfe gegen die Übermacht samt seinem Volke, dem letzten freien Germanenstamm, die Waffen strecken mußte. Aber gerade das 30 jährige erbitterte Ringen und der tragische Ausgang des Kampfes ist der Grundstein, auf dem sich das Bild des dem Westfalen unvergeßlichen Wittekind aufbaut.

Wie er aber mit seinem Volke schließlich auch der höheren Macht des Christentums unterlag, davon erzählt die Geschichte und mit ihr zugleich die Sage, und was die letztere darüber gedichtet hat, ist in dem schönen Denkmal zum Ausdruck gebracht, dessen Abbildung wir am Anfange dieses Buches sehen.

In den schattigen Anlagen des Wilhelmsplatzes zu Herford erhebt es sich auf felsigem Unterbau, über den das Wasser des Felsenquells munter herabplätschert, ein Denkmal von seltener Kühnheit der Auffassung, künstlerischer Vollendung der Darstellung und wohltuender Abweichung von der überkommenen Schablone[1].

Geistige Überlegenheit hatte diesen Edeling des sächsischen Stammes nicht als König, denn solche waren ihnen fremd, oder Herrn, sondern als denjenigen an die Spitze des Volkes geführt, der vor ihnen her zog als Führer und Berater im Kriege. Wie in ihm die Kraft und der Kampfesmut seines Volkes verkörpert erschien, so auch der Haß und Widerwille seines Stammes gegen


  1. Dieses Denkmal ist das Werk eines aus Herford gebürtigen Künstlers, des Professors H. Wesing, der jetzt seinen Wohnsitz in Berlin hat. Das Denkmal wurde am 28. Juni 1899 feierlich eingeweiht.