Chronik der Schotten-Crainfelder Familie Spamer/119

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Chronik der Schotten-Crainfelder Familie Spamer
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„Nein,“ sprach ich, „ich geh' nicht aus dem Wege,“
„Da ich selber wohl begreifen kann,“
„Daß verdient ich habe meine Schläge,“
„Wenn's ich's auch gewiß nicht gern gethan!“
Als der Vater aus der Kirch gekommen,
Und zu Ende hatte angehört,
Wie ich bei der Sache mich benommen,
War er sehr betrübet und empört.
„Einen Buckel voll wollt' ich Dir geben,“
„Könntest Du den Vogel lebend schrei'n;“
„Da er aber nicht mehr kommt in's Leben,“
„Will ich Dir den Unverstand verzeihn!“
Also sprach er traurig, und wie nahe
Ihm der Tod des Lieblings ging an's Herz,
Ich des andern Tages deutlich sahe,
Als er ihn begrub mit großem Schmerz.
Zweimal hab' ich zwar in meinem Leben
Von ihm Schläg' bekommen, noch als Kind;
Doch die ersten, die er mir gegeben,
Hatte ich wahrhaftig nicht verdient.
Auf der Brustwehr unsrer Treppe saßen
Confirmanden-Mädchen in der Reih',
Und ich fing mit ihnen an zu spaßen
In der unschuldigsten Kinderei.
Da ich nun mit einer Ofenkrücke
Scherzend rannte auf die Mädchen los,
Bog sich eins aus Furchtsamkeit zurücke,
Ohne daß ich gab ihm einen Stoß.
Als dasselbe nunmehr rückwärts thate
Einen wohl vier Ellen tiefen Fall,
Sah's mein Vater durch das Fenster grade,
Und es schoß ihm über gleich die Gall'.
Weil's ihm schien, ich hätt's hinabgestoßen,
Kam sofort er zornig aus dem Haus,
Und nun klopfte er mir meine Hosen
Ohne Weiters mit der Reitgert aus.
Erst als ich die Züchtigung bekommen,
Und ich sagte, daß ich schuldlos sei,
War's ihm leid, daß er sie vorgenommen,
Weil mir alle Mädchen stimmten bei.
Daß er mich zum zweiten Mal geschlagen,
Daran war ich freilich selber Schuld;
Denn ich konnt' die Lection nicht sagen,
Und deßwegen riß ihm die Geduld.
Da mein Bruder erst sich widmen sollte
Dem Geschäft auf der Papierfabrik,
Und dabei durchaus nicht bleiben wollte,
Kam er, sechszehn Jahre alt, zurück.
Nun denn sollten beide wir studiren,
Wußten aber noch kein Wort Latein,
Drum wollt' uns der Vater informiren,
Was schon früher hätte sollen sein.
Denn mir war das elfte Jahr vergangen
Und das sechszehnte dem Bruder schon,
Als wir beide haben angefangen
Mit der ersten Declination.
Und allein mit diesem Decliniren
War es unserm Vater nicht genug,
Darum mußten wir auch memoriren
Täglich Wörter aus dem Wörterbuch.
Doch es kamen die Latein'schen Brocken
Mir und meinem Bruder Theodor
Nebst der Lang's Grammatik gar zu trocken
Und beinah wie lauter Spanisch vor.
Da wir nun einmal den Fleiß vergessen,
Und die Lection gelernt zu schlecht,
Wurde uns das Peitschchen angemessen,
Daß es größern Eifer bei uns brächt'.
Als mein Bruder seine Tracht bekommen,
Und ich kam als zweiter Sträfling vor,
Und der Vater kaum mich hergenommen,
Biß in's Bein ihn unser alter Mohr.
Knurrend wollte dieser sich erheben,
Als der Vater meinen Bruder schmiß;
Als er mir den ersten Schlag gegeben,
Fühlte er sogleich des Hundes Biß.
Und die Hiebe, die der Mohr bekommen
Dafür, weil er helfen wollte mir,
Hätte lieber ich für ihn genommen,
Und gelitten für das treue Thier.
Weil es aber meine Schuld getragen,
Und empfangen meinen Sündenlohn,
Wurde ich nun weiter nicht geschlagen,
Sondern kam mit Einem Hieb davon.
Bald darauf erkannte unser Vater,
Unser Bleiben sei für uns nicht gut.
Und aus eben diesem Grunde that er
Uns nach Breungeshain in's Institut.
Bei dem Pfarrer Löber dort verblieben
Achtzehn Monate wir in der Lehr;
Was ich davon habe schon geschrieben,
Will ich hier nicht wiederholen mehr.